Schrödingers Doktor
Der rätselhafte Fall eines Doktorgrades, der zugleich zu existieren und nicht zu existieren scheint.
In der letzten Depesche schrieb ich über Einzelheiten und ihre überproportionale Bedeutung. Heute machen wir weiter.
Zunächst aber eine kleine Erinnerung. Wisst ihr noch, das Unterlassungsschreiben, das im Namen Henriks an eine Figur dieser Geschichte geschickt wurde? Ich habe es in früheren Depeschen veröffentlicht. Unter den vielen bemerkenswerten Forderungen wurde dem Empfänger untersagt, Universitäten zu kontaktieren oder Auskünfte einzuholen. Behaltet dieses Detail im Kopf.
Also. Bei der Recherche zu dieser Geschichte habe ich mich, wie jeder redliche Rechercheur, ausschließlich auf offene Quellen gestützt. Und wisst ihr, was ich entdeckt habe? Henrik ist nicht einfach Doktor. Henrik ist immer und überall Doktor. QuelldokumenteHenrik Christiansen · LinkedIn-Profil. Doktor direkt in der LinkedIn-Adresszeile, damit selbst der Browser keinen Zweifel hat. Doktor in der Pressemitteilung seiner Firma. Doktor in den Unterlagen seiner früheren Unternehmen, zurück bis etwa 2019. Doktor auf seinen Websites. Doktor in seinen Präsentationen. Weniger ein Mensch als ein akademischer Grad auf zwei Beinen. Jedenfalls war das bis ungefähr Februar 2026 so. Inzwischen hat sich das Profil verändert. Erheblich sogar. Seht selbst.
Nachdem ich mich durch vermutlich jeden Link im Internet gearbeitet hatte, kam ich schließlich zu den Unterlagen von Estithmar, einem Unternehmen der Power International Holding, kurz PIH.
Das Unternehmen ist börsennotiert, an der Qatar Stock Exchange, und veröffentlicht selbstverständlich sämtliche Pflichtunterlagen. Das Besondere an Börsenunterlagen ist: Man darf darin nichts erfinden. Gar nichts. Falsche Angaben in den Pflichtveröffentlichungen eines börsennotierten Unternehmens ziehen Sanktionen eines Kalibers nach sich, das die Lust am Erfinden sehr schnell kuriert. Bis hin zum Ausschluss vom Börsenhandel.
Und hier beginnt der Zauber. Im Geschäftsbericht, auf der Seite, die den CEO vorstellt, gibt es keinen Doktor. In den von ihm unterzeichneten Abschlüssengibt es ebenfalls keinen. Keine Fußnote, kein Sternchen, kein bescheidenes Dr. vor dem Nachnamen. Nichts. In Unterlagen genau desselben Unternehmens, veröffentlicht auf dessen eigener Website, etwa Pressemitteilungen und Nachrichten, ist der Doktor dagegen da. Auf den Namensschildern bei Pressekonferenzenist er ebenfalls da.
In den Werbematerialien ist der Doktor überall. In den regulierten Pflichtveröffentlichungen nirgends. Physiker nennen das eine Überlagerung. Ich nenne es Schrödingers Doktor.
Nun gehe ich bei Menschen grundsätzlich erst einmal vom Besten aus. Ich lasse also ausdrücklich die Möglichkeit zu, dass es einen Grund gibt, warum ein Mann seinen Doktorgrad einmal nennen möchte und ein anderes Mal kategorisch nicht. Vielleicht ist es eine besondere Form der Bescheidenheit, die sich ausschließlich in Dokumenten mit rechtlichen Haftungsfolgen einschaltet und überall sonst ausschaltet. Solche Fälle sind der Wissenschaft mir unbekannt, aber es gibt für alles ein erstes Mal.
Denn Hand aufs Herz: Ich beschäftige mich schon eine ganze Weile mit der menschlichen Natur. Eines weiß ich mit Sicherheit: Menschen sind stolz auf ihre Leistungen. Diplome, Status, Pokale, Medaillen, die Urkunde für Platz drei im Krapfenwettessen. Man hängt so etwas gerahmt an die Wand, schreibt es in die Biografie, setzt es unter die E-Mail. Ein Diplom lässt einen in den eigenen Augen und in denen anderer wachsen. Es bringt gesellschaftliches Gewicht, Gehalt, Respekt. Ich habe in meinem ganzen Leben noch niemanden getroffen, der seinen Doktorgrad versteckt.
Versuchen wir also, lieber Leser, die Antwort auf dem effizientesten verfügbaren Weg zu finden. Nutzen wir die Gelegenheit und diese Plattform für eine Frage von öffentlicher Bedeutung an Henrik. Öffentlich, höflich und vollkommen präzise.
Henrik Halager Christiansen, besitzen Sie einen Doktorgrad der University of Liverpool?
Falls die Antwort Nein lautet, bin ich Ihnen für die Klarheit und die Wahrheit aufrichtig dankbar. Ehrlichkeit hat eine reinigende Wirkung. Ich werde der Erste sein, der das anerkennt.
Falls die Antwort Ja lautet, was ich natürlich von Herzen hoffe, bitte ich Sie um eine Kopie der Urkunde, die die Verleihung des Doktorgrades bestätigt, sowie um die Grundlage für die öffentliche Führung des Titels. Diese Informationen werde ich hier auf der Website vollständig und an prominentester Stelle veröffentlichen. Mit Vergnügen. Versprochen.
Zeitgleich mit der Veröffentlichung dieser Depesche schicke ich Henrik eine E-Mail mit genau derselben Frage. Es steht mir nicht zu, Fristen oder Bedingungen festzulegen. Deshalb sage ich einfach: Ich habe Geduld. Hab du sie auch, mein Leser. Ich hoffe, dass innerhalb angemessener Zeit eine Antwort kommt und wir den Schlüssel zu unserem Schrödinger-Rätsel erhalten.
Und ja, zurück zu dem Detail vom Anfang dieser Depesche. Niemand ist verpflichtet, Henriks Verboten Folge zu leisten, und an mich richtet er sie ohnehin nicht. Der Reinheit des Experiments zuliebe spiele ich aber mit und lasse die Universitäten vorerst in Ruhe. Warum Universitäten bemühen, wenn die Primärquelle verfügbar ist? Das ist ein weiteres Rätsel meiner Recherche, eines von sehr vielen. Anders als die anderen lässt es sich allerdings verblüffend leicht überprüfen: mit einer einzigen Antwort des Buchprotagonisten selbst.
P. S. Sämtliche Quellen zu diesem kleinen Paradox findet ihr in der Asset-Akte zum Doktorgrad. Prüft sie ruhig selbst. Ich möchte euch das Experiment ungern vorenthalten.
