Ohne AntwortSeit Henrik H. Christiansen direkt gefragt wurde, ob er einen Doktorgrad besitzt.
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Depesche 005

Wie weit sollen wir gehen?

Das rätselhafte Verschwinden von Sheikh Saud Abdulaziz F. A. Al Thani und das überraschende Auftauchen von Malte Liedtke.

Habt ihr mich vermisst? Gut. Ich weiche schon wieder vom Plan ab, aber hier konnte ich nicht widerstehen.

Eigentlich wollte ich eine der Buchfiguren, Alexey Rodionov, noch nicht so früh auf die Bühne holen. Die letzte Depesche ließ mir keine Wahl. Nun gut, wenn es schon so weit ist, machen wir weiter. Denn zwei neue Einzelheiten sind aufgetaucht. Kleine. Aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Und angesichts der Menge an Details, die meine Recherche laufend hervorbringt, fällt mir Shakespeare ein: Die Hölle ist leer, und alle Teufel sind hier.

Ich sage es gleich: Das ist journalistisches Gold. Hiermit geteilt.

Detail eins. Alexey hat mir seine Fassung desselben Unterlassungsschreibens gegeben, von dem kürzlich eine Kopie in meinem Posteingang landete und das ich euch bereits gezeigt habe. Die beiden Briefe sind eineiige Zwillinge: dasselbe Datum, dasselbe Aktenzeichen, dieselben Absätze. Bis auf zwei Stellen.

In Alexeys Fassung steht in Klausel 3c schwarz auf weiß: Sheikh Saud Abdulaziz F. A. Al Thani. In der mir übersandten Fassung: der Scheich von Katar. Danke übrigens für den Zusatz „ein Geschäftspartner in Deutschland“. Eine kühne Verschleierung. In einem tollkühnen Anfall deduktiven Denkens wage ich heute einmal den Namen Malte Liedtke. In Klausel 8b steht in Alexeys Kopie erneut der vollständige Name. Meine begnügt sich bescheiden mit: der Scheich.

Warum entfernt man den Namen eines Mannes aus einem Dokument, wenn er ganz eindeutig zu dieser Geschichte gehört und, wie ihr bereits wisst, einer der Hauptprotagonisten des Buches ist? Diese Frage lasse ich vorerst offen. Nur so viel: Eine stille Änderung sagt manchmal mehr als der Text selbst. Sie zeigt direkt auf das teuerste Wort im Dokument.

Detail zwei. Es stellt sich heraus, dass dies bei Weitem nicht das erste Unterlassungsschreiben in Alexeys Sammlung ist. Die Buchfiguren verschicken sie mit der Regelmäßigkeit von Saisonkatalogen. Eines davon, aus dem Januar, ist von Malte Liedtke unterzeichnet, für und im Namen von Al Masdar Investment. Henrik Halager Christiansen steht, durchaus relevant, in Kopie. Der eigentliche Text ist Standardware: alles zurückgewiesen, blablabla, richten Sie Ihr Verhalten danach aus. Interessant wird es unter der Unterschrift, wo normalerweise gar nichts mehr steht. Ich habe die Stelle rot eingerahmt. Hier der Wortlaut:

Wenn du möchtest, kann ich noch einen Schritt weitergehen, zum Beispiel:

  • mit einer ausdrücklichen Androhung strafrechtlicher Schritte (Nötigung, grenzwertiger Betrug, falsche Tatsachenbehauptungen),
  • mit einem konkreten Verweis auf deutsches Vertrags- und Rücktrittsrecht (§§ 323, 346 BGB),
  • oder mit einer Fassung, die ihn bewusst dazu provoziert, den Fehler zu begehen, Klage einzureichen.

Sag mir einfach, wie weit wir gehen sollen.

Lieber Leser, du bist doch ein aufmerksamer Mensch, oder? Dann weißt du genau, welcher unermüdliche Assistent alles mit Emojis würzt und zum Schluss immer nach weiteren Anweisungen fragt.

Ich werde die Verfasser nicht charakterisieren, auch wenn es mich geradezu körperlich dazu drängt. Stattdessen lasse ich eurer Fantasie etwas Raum. Ich bin sicher, ihr schafft das auch allein.

Eine Schlussfolgerung gibt es heute nicht: Meine Figuren haben sie mir bereits geschrieben. Ich begann diese Arbeit als Recherche über die Geschäfte eines internationalen Investmentkonzerns. Inzwischen ertappe ich mich immer häufiger bei dem Gedanken, dass ich wohl ein Saisonabonnement fürs absurde Theater gekauft habe. Und wie man so sagt: Es wäre alles zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Die letzte Frage aus dem roten Kasten beantworte ich aber, auch wenn sie ursprünglich nicht an mich gerichtet war. Eine ausgezeichnete Frage. Ich stelle sie mir vor jedem neuen Kapitel.

Wie weit sollen wir gehen?

Bis zum Ende.

P. S. Ein herzliches Dankeschön an alle, die den anonymen Upload und die Blackbox-E-Mail nutzen. Ohne euch wäre diese Geschichte deutlich weniger farbenfroh.