Der Ruf
Eine kleine Untersuchung darüber, wer ihn eigentlich macht und wer ihn ruiniert.
Lieber Leser, mir ist zu Ohren gekommen, dass jemand furchtbar besorgt ist, seinen guten Ruf zu verlieren. Oder sagen wir: dass dieser eine gewisse Veränderung erfahren könnte.
Bevor wir also zu irgendetwas anderem kommen, reden wir über den Ruf. Ein Thema, von dem die Leute offenbar erstaunlich wenig verstehen.
Sokrates wird die Einsicht zugeschrieben, der sicherste Weg zu einem guten Ruf sei, sich darum zu bemühen, tatsächlich so zu sein, wie man erscheinen möchte. Ein einfacher Rat mit einem Haken: Der Ruf ist der eine Vermögenswert, der dir nicht gehört. Er lebt in den Köpfen anderer Menschen und setzt sich aus dem zusammen, was diese Menschen über dein Verhalten erfahren.
Daraus folgt seine entscheidende Eigenschaft. Warren Buffett hat es treffend formuliert: zwanzig Jahre, um ihn aufzubauen, fünf Minuten, um ihn zu zerstören. Wunderbar. Nur steckt in diesen fünf Minuten eine Frage, die meistens verkehrt herum gestellt wird: Wer genau hat ihn denn zerstört?
Danach erledigt die Arbeit nicht er, sondern der Leser. Der Leser nimmt die neuen, überprüften Informationen, hält sie neben sein bisheriges Bild der betreffenden Person und rechnet neu. Manchmal verändert sich das Ergebnis dramatisch, manchmal gar nicht. Jeder hat schließlich seinen eigenen moralischen Kompass und seine eigene Schwelle zur Überraschung. Dieselben Dokumente werden den einen Leser entsetzen, den anderen kaltlassen und einen dritten zu der Bemerkung veranlassen, das machten doch alle. Der Autor hat niemandes Ruf ruiniert. Die Tatsachen haben schlicht ihr Publikum gefunden.
Ganz anders liegt der Fall, wenn Lügen und die bewusste Verdrehung von Tatsachen ins Spiel kommen. Dann bewegt sich das Gespräch auf ein ziemlich anderes Gebiet, zum Teil ein juristisches.
Natürlich behaupte ich nicht, unbeteiligt zu sein. Ich bin Autor, und der Ton dieser Depeschen ist meiner. Aber der Ton schafft keine Tatsachen, er leistet ihnen nur Gesellschaft. Geschaffen haben die Tatsachen die handelnden Personen selbst. Und ihre eigene Vergangenheit.
Damit bleibt mir genau ein praktischer Rat: Versuche, so zu sein, wie du erscheinen möchtest. Und tu nichts, worüber du eines Tages lieber nicht in der Zeitung lesen würdest.
Alles andere, diese Depesche eingeschlossen, ist lediglich eine Folge davon.