Ohne AntwortSeit Henrik H. Christiansen direkt gefragt wurde, ob er einen Doktorgrad besitzt.
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Depesche 011

Der aufgeräumte Lebenslauf

Drei beeindruckende Ausbildungseinträge verschwanden aus dem LinkedIn-Profil von Henrik H. Christiansen. Das machte sie natürlich erst richtig interessant.

Hallo wieder, lieber Leser.

Die heutige Depesche ist wieder einmal nicht die, die ich geplant hatte. Diese Geschichte weigert sich schlicht, nach Zeitplan zu laufen. Kaum setzt man sich an das eine, kriecht etwas anderes unter einem Stein hervor, und schon überlegt man, an welchem Faden man zuerst ziehen soll. Das Thema wirkt nebensächlich. Bei uns ist es das nicht, angesichts der eifrigen Imagepflege eines unserer Protagonisten. Und all diese Einzelheiten werden bald zusammenlaufen.

Erinnerst du dich an unser Gespräch über den Streisand-Effekt? Das Prinzip ist einfach: Manchmal lenkt man die Aufmerksamkeit am zuverlässigsten auf eine Information, indem man versucht, sie zu entfernen. Auf das, was ich gleich erzähle, wäre ich nie zurückgekommen, hätte nicht jemand beschlossen, auf LinkedIn ein bisschen aufzuräumen.

Im alten LinkedIn-Profil, und alt nenne ich es vor allem deshalb, weil Henrik dort noch Henrik H. Christiansen (Dr.) hieß, standen neben der Doktorsaga, die mir sofort ins Auge fiel, drei recht stattliche Zeilen im Abschnitt „Ausbildung“: MIT Professional Education, The London School of Economics and Political Science und Texas McCombs School of Business.

Ich sah sie mir damals an und dachte mir, ehrlich gesagt, nicht viel dabei.

Bei LSE stand Competitive Strategy and Innovation, Juli 2022 bis September 2022. Den Kurs gibt es, er dauert acht Wochen, so weit nichts Auffälliges. Die LSE veröffentlicht die Termine ihrer Onlinekurse allerdings auf den Tag genau. Für 2022 gibt es zwei solche Dokumente. Im erstenlief der Kurs vom 13. April bis zum 14. Juni. Im zweitenvom 28. September bis zum 29. November. Ein Kursbeginn im Juli findet sich in keinem der beiden. Vorerst legen wir das unter „interessant“ ab.

Unter MIT Professional Education gab er Digital Transformation: From AI and IoT to Cloud, Blockchain, and Cybersecurity an, Juni 2024 bis September 2024. Auch diesen Kurs gibt es, der Titel stimmt. Also ging ich damals einfach daran vorbei.

Texas McCombs war ein klein wenig unterhaltsamer. Henrik schrieb: Postgraduate Degree, Cyber Security. Das tatsächliche Angebot heißt Post Graduate Program in Cybersecurity. Program, wohlgemerkt, nicht Degree. Am Ende erhält man ein Abschlusszertifikat und keinen akademischen Grad.

Der Mann hat also mit einem einzigen Wort ein wenig nachvergoldet. Kommt vor. Du und ich haben diese bemerkenswerte Ecke der englischen Sprache schon besichtigt, in der ein gezielter Worttausch einer Biografie enorm auf die Sprünge helfen kann.

Im selben Eintrag stand, die University of Texas at Austin, McCombs School of Business, liege in den World University Rankings auf Platz neun. Das gehört zur Gattung „Die Zahl stimmt, der Satz ist ein Kunstwerk“: Platz neun bezog sich auf eine bestimmte Rangliste für ein bestimmtes McCombs-Programm, nicht auf den weltweiten Rang der Universität insgesamt. Geschenkt. Die meisten Menschen gehen nicht auf LinkedIn, um weniger beeindruckend zu wirken, als sie sind.

Jedenfalls: Ich sah das alles, machte mir eine Notiz und legte es ordentlich beiseite.

Bis heute.

Denn heute öffnete ich Henriks Profil wieder und fand kein MIT, keine LSE und kein Texas McCombs mehr.

Alle drei weg.

Früheres Profil
Aktuelles Profil

Und genau da wurde ich richtig neugierig.

Menschen sind gewöhnlich stolz auf ihre Leistungen. Henrik war, nach seinem früheren LinkedIn-Profil zu urteilen, keine Ausnahme. Bis vor Kurzem lebten MIT, LSE, Texas McCombs und ein „Dr.“ vor seinem Namen dort in friedlicher Wohngemeinschaft. Man darf annehmen, dass sie nicht eingezogen waren, weil er seine Bildungserfolge geheim halten wollte.

Natürlich beweist eine Löschung auf LinkedIn für sich genommen nichts. Ein Mann darf sein Profil bearbeiten, kürzen, Schwerpunkte verschieben, plötzlich seine bescheidene Ader entdecken oder schlicht zu dem Schluss kommen, dass drei lautstarke Hochschulnamen seiner Berufsbiografie nicht mehr schmeicheln.

So etwas kommt vor.

Nur kommt genau hier der verflixte Streisand-Effekt ins Spiel. Solange diese Einträge still im Profil saßen, kam ich kein einziges Mal auf die Idee zu prüfen, ob Henrik die Kurse tatsächlich besucht hatte.

Jetzt schon. Dieses Profil war nie eine Biografie. Es war das Verkaufsgespräch.

Also, Henrik, noch eine ganz einfache Frage, ohne Fallen und ohne aufwendige juristische Maschinerie: Haben Sie diese drei Programme an der LSE, bei MIT Professional Education und bei Texas McCombs tatsächlich abgeschlossen?

Ja oder nein?

Falls ja: wunderbar. Besser noch, das ist einer der seltenen Fälle, in denen sich eine Frage geradezu unanständig leicht erledigen lässt. Solche Programme stellen Zertifikate, Nachweise und Links zur Überprüfung aus. Ich habe sie in den Profilen anderer Absolventen genau dieser Kurse gesehen. Man klickt auf den Link, sieht sich das Zertifikat an und macht dreißig Sekunden später etwas Sinnvolleres mit seinem Leben. In Henriks Profil fand ich solche Bestätigungen nicht. Es kann sie durchaus geben. Dann sehe ich sie mir mit Vergnügen an und schreibe hier, dass mein Verdacht vollständig unbegründet war.

Zumal meine andere öffentliche Frage, die nach dem Doktorgrad, inzwischen seit 26 Tagen und 22 Stunden unbeantwortet ist. Den Zähler werde ich schon aus Prinzip nicht entfernen. Außerdem interessiert mich inzwischen, wie lange ein Mann braucht, um ein Dokument vorzulegen, das meine Schlussfolgerungen als Autor innerhalb von Sekunden widerlegen müsste.

Wie immer würde es mich aufrichtig freuen, mich zu irren.

Ich hoffe nach wie vor auf eine Antwort. Am liebsten von Henrik. Aus anderen Quellen nehme ich sie auch gern. Das Ergebnis teile ich euch selbstverständlich mit, selbst wenn es ganz anders ausfällt, als ich derzeit vermute.

P. S. Die Blackbox ist weiterhin geöffnet und, gemessen daran, wie schnell sie sich füllt, bei bester Gesundheit. Wenn ihr etwas hineinlegen möchtet, nur keine Scheu.