Ohne AntwortSeit Henrik H. Christiansen direkt gefragt wurde, ob er einen Doktorgrad besitzt.
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Depesche 017

Das öffentliche Interesse

Siebzehn unbezahlte Beschäftigte, Millionen an ausstehenden Gehältern und Sozialversicherungsbeiträgen und warum diese Geschichte keine Privatsache mehr ist.

Hallo, liebe Leser! Rufen wir uns die Unternehmen unserer Protagonisten noch einmal ins Gedächtnis, denn ohne diese Einführung lässt sich das Ausmaß dessen, was nun folgt, nur schwer ermessen.

Ihr erinnert euch: Das euch bereits bekannte Organigramm zeigt drei Eigentümer und Begünstigte einer Struktur aus zwei Unternehmen: Orca Cyber Security LLC in Dubai und Al Masdar Investment W.L.L. in Katar. Wenn wir uns an die feierliche Fassung dieser Geschichte halten, haben wir hier ein durchaus beeindruckendes kleines Imperium vor uns. Orca Cyber Security besitzt ein einzigartiges, von Malte Liedtke entwickeltes Cybersicherheitsprogramm, das weltweit seinesgleichen sucht. Al Masdar Investment ist ein königlicher katarischer Investmentfonds mit einem verwalteten Vermögen von mehr als einer Milliarde Dollar. Den Vorsitz führt mit gewohnt sorgfältiger Hand Scheich Saud Abdulaziz Al-Thani, professionell gemanagt wird er vom ehemaligen Global-CEO Dr. Henrik Christiansen, und das Tagesgeschäft leitet ebendieser Malte Liedtke. Zugegeben, bei dieser Kombination aus Titeln, Kapital und Talent kann man den Lesern kaum verübeln, dass sie der Zukunft mit einem gewissen Vertrauen entgegenblicken.

Und so plant unser Konglomerat die Landung in Deutschland. Für ernsthafte Geschäfte natürlich.

Die Landung beginnt mit Malte Liedtkes Ankunft aus Katar. Ende 2023 tritt er eine Stelle als Projektmanager bei einem völlig seriösen Unternehmen namens MaxSolar an, arbeitet dort ein Jahr lang, und im Januar 2025 wird ihm gekündigt. Ein paar Monate später beginnt bei einigen seiner früheren Kollegen eine merkwürdige Metamorphose: Einer nach dem anderen findet sich in den Strukturen unserer Helden wieder. Einfacher gesagt: Malte warb sie gezielt ab.

Und daran ist natürlich nichts Anstößiges. Aus geschäftlicher Sicht ist es sogar lobenswert: Unser Konglomerat ist schließlich nach Deutschland gekommen, um kräftig zu wachsen. Es braucht erfahrene Mitarbeiter, und aus irgendeinem Grund vor allem solche aus der Solarbranche. Das scheint der Plan zu sein. Mehr dazu später.

Allein wegen Maltes eigener Verdienste wäre ihm natürlich niemand gefolgt. Bei all seinem Charme und Charisma war er Projektmanager und fuhr einen Firmen-Passat. Von einer solchen Ausgangslage aus ist es eher schwierig, ehemalige Kollegen davon zu überzeugen, man selbst habe ein milliardenschweres Unternehmen aufgebaut. Versuche gab es trotzdem, doch das ist eine Geschichte für einen anderen Tag. Tatsächlich überzeugt hat etwas anderes: ein Scheich aus der königlichen Familie hinter dem Projekt, zugesagte oder bereits bestehende staatliche Aufträge aus Katar und die weise Führung eines äußerst erfahrenen Super-CEO. Genau diese Kombination schuf das günstige Klima, in dem Menschen ihr geordnetes Leben hinter sich ließen.

Die angebotenen Gehälter waren unterdessen großzügig. In manchen Fällen bemerkenswert großzügig. Auch daran wäre nichts merkwürdig: Eine Investmentstruktur mit Vermögenswerten in Milliardenhöhe kann es sich gewiss leisten, das Fachwissen anderer angemessen zu bezahlen. Zumal ein Teil der Arbeitszeit in Katar verbracht werden sollte, was, glaubt mir, kein Zuckerschlecken ist und in der Regel mit einem Zuschlag vergütet wird. Nicht zuletzt wurden fabrikneue BMWs versprochen, und nicht wenige bekamen sie tatsächlich als Firmenwagen. Eine Kleinigkeit. Aber eine schöne.

Bis hierhin könnte das eine vollkommen gewöhnliche Geschichte über geschäftliches Wachstum sein, wenn auch eine etwas zeremonielle.

Das Problem ist nur: Die Gehälter kamen nie.

Erst kam eine Erklärung, dann die nächste, dann eine dritte. Den Menschen zufolge, mit denen ich gesprochen habe, wurde die Liste der Gründe, warum das Geld angeblich immer kurz vor der Ankunft stand, irgendwann lang genug, um eine eigene Novelle zu verdienen.

Manche arbeiteten weiter, andere gingen, neue Menschen nahmen ihre Plätze ein, und einige sind, soweit ich weiß, bis heute in diesen Strukturen tätig. Viele haben Familien, manche haben Kinder, einige verfügten über Ersparnisse, mit denen sie die ersten Verzögerungen überstehen konnten. Sie warteten, weil sie den Versprechen glaubten, weil sie sich auf unterschriebene Verträge verließen und weil sie für ihre Arbeit bezahlt werden wollten. Ich sehe nicht den geringsten Grund, ihnen deshalb Naivität vorzuwerfen: Einer vereinbarten Arbeit gegen vereinbarten Lohn zuzustimmen, sollte kein besonderes Talent dafür erfordern, menschlichen Anstand einzuschätzen.

Und nun komme ich zu dem Teil, bei dem mir überhaupt nicht mehr nach Scherzen zumute ist.

Nach den von mir zusammengetragenen Informationen hat zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Textes nicht ein einziger Beschäftigter sein Geld erhalten. Und ja, ihr habt richtig gelesen, meine Freunde. Niemand.

Ich wiederhole das ohne jede literarische Verzierung, denn das Ausmaß ist leicht zu übersehen: Hier geht es nicht um eine Verzögerung bei einer Person, sondern um ausbleibende Zahlungen bei allen siebzehn Beschäftigten, die ich identifizieren konnte.

Nach meiner eigenen vorläufigen Berechnung kämen, wenn sämtliche noch bestehenden Arbeitsverhältnisse jetzt beendet würden und alle erhielten, was ihnen zusteht, insgesamt rund 1,9 Millionen Euro, netto, bei den Betroffenen an. Und nein, auch das habt ihr nicht falsch gelesen, meine Freunde. Für die besonders versierten Leser füge ich hinzu: Ja, das sind ungefähr 3,3 Millionen Euro brutto, davon entfallen rund 400.000 Euro auf nicht gezahlte Sozialversicherungsbeiträge.

Meine gut informierten Leser wissen vermutlich, dass in Deutschland Sozialversicherungsbeiträge unabhängig davon fällig werden, ob das Gehalt tatsächlich ausgezahlt wird. Nein, auch sie werden also nicht gezahlt.

Bei den Sozialversicherungsbeiträgen stellt sich noch eine eigene Frage. Ich gebe nicht vor, Jurist zu sein, aber ich habe den ziemlich starken Verdacht, dass das deutsche Strafgesetzbuch ein oder zwei Paragrafen bereithält, die genau auf eine solche Situation zugeschnitten sind. So stellt es sich mir jedenfalls dar, und ich werde das gründlich prüfen. Sollten unter den Lesern Juristen sein, die etwas beitragen und die Dinge richtigstellen möchten, wäre ich wie immer dankbar.

Hinter diesen Summen stehen Monate fremder Arbeit und Monate fremden Wartens. Während die einen weiter über die Aussichten des Unternehmens sprachen, verbrauchten die anderen ihre Familienersparnisse, die im Gegensatz zu Versprechen tatsächlich endlich sind. Versprechen haben offenbar wesentlich mehr Ausdauer als die Menschen, die von ihnen leben müssen.

Ab diesem Moment ändert sich alles.

Zunächst, als euer bescheidener Korrespondent hier und da Spuren nicht gezahlter Gehälter fand, erst bei einem Menschen, dann bei zweien, kam mir wie immer der naheliegende Gedanke: So etwas passiert, Zahlungen verzögern sich, sie wollten zahlen, doch das Geld kam nicht, so ist das im Geschäftsleben eben manchmal.

Als ich jedoch bemerkte, dass die Verträge mancher Beschäftigter formal endeten, ohne dass sie jemals bezahlt worden waren, während ihre Nachfolger vom allerersten Tag an kein Geld erhielten, war das aus meiner Sicht keine Verzögerung mehr. Hier wurde eine Pyramide aufgebaut.

Was ich hier sehe, sind Menschen, die wissentlich in finanzielle Not gebracht werden, während das Unternehmen selbst weiterhin Verpflichtungen eingeht, die es nicht erfüllen kann und, was beunruhigender ist, offenbar auch nicht erfüllen will. Und das Entscheidende: Alle drei Begünstigten der Struktur kommunizierten persönlich mit diesen Menschen, arbeiteten eng mit ihnen zusammen und stellten jedem Mitglied ihrer eigenen Familien Personenschutz und einen Fahrer zur Verfügung. Sie wussten sehr genau, dass sie die Arbeitsleistung dieser Menschen erhielten, ohne dafür zu bezahlen.

Und als sich die Zahl dieser Menschen und die Millionensumme nicht gezahlter Gehälter und Steuern in meinem Kopf zusammenfügten, begriff ich, dass ich längst nicht mehr auf ein paar glücklose Geschäftsleute blickte. Ich sah eine organisierte Gruppe von Menschen, die bewusst, zynisch und, meiner Ansicht nach, zutiefst unmoralisch handelten.

Und wisst ihr, in all dem scheint etwas beinahe Mittelalterliches durch: Menschen werden wie Sklaven behandelt, nur dass Sklaven wenigstens ernährt und untergebracht wurden. Und dieselbe Haltung gegenüber Gesetzen und Steuerrecht, als existierten sie gar nicht. Warum? Insgesamt gibt es hier erheblich mehr Fragen als Antworten.

Ich möchte Scheich Saud Abdulaziz Al-Thani, Henrik Halager Christiansen und Malte Liedtke öffentlich drei ganz einfache Fragen stellen.

  • Wie kann es sein, dass kein einziger eurer Beschäftigten bezahlt wurde?
  • Wie kann es sein, dass auch die Sozialversicherungsbeiträge nicht gezahlt wurden?
  • Wann plant ihr zumindest, eure Schulden bei diesen Menschen und, im Idealfall, auch bei den Finanzbehörden zu begleichen?

Und bei den Antworten auf die ersten beiden Fragen möchte ich drei Menschen um eine Stellungnahme bitten, die aufgrund ihrer Funktionen unmittelbar an diesen Ereignissen beteiligt waren: Martina Hofstetter, Benjamin Abel und Simon Groeger (geb. Franz).

Und ich habe noch eine weitere, ziemlich große Bitte. An ehemalige Beschäftigte, an derzeitige Beschäftigte, an diejenigen, die nie ganz zu Beschäftigten wurden, an Menschen, die irgendeine der oben genannten Personen kennen, und an alle, die über zusätzliche Informationen verfügen, die für diese Recherche nützlich sein könnten: Ich brauche erneut eure Hilfe. Ihr könnt mich vollkommen anonym oder unter Angabe eures Namens erreichen, ganz wie ihr möchtet.

Und um auf meine früheren Beiträge zurückzukommen: Ihr erinnert euch, dass ich oft den Ausdruck verwendet habe, ihn noch immer verwende und auch künftig verwenden werde: öffentliches Interesse.

Nach meiner klaren Überzeugung und in meinem eigenen moralischen Universum ist das oben Beschriebene ein perfektes Beispiel für öffentliches Interesse.

Wenn ein Problem Dutzende Menschen, eine Vielzahl von Unternehmen und sogar die Staatskasse selbst betrifft, weil fällige Steuern dort nie angekommen sind, kann ich mir kaum ein klareres Beispiel für öffentliches Interesse vorstellen.

Wie sehr meine Protagonisten also auch versuchen, den Autor und die Menschen, die ihm helfen, zum Schweigen zu bringen, sei es durch Drohungen, Verweise auf Wettbewerbsverbotsklauseln, Warnungen vor Rufschädigung, Verbote, etwas herauszufinden oder weiterzugraben, oder durch irgendein anderes Mittel, Fragen zu unterbinden: Es wird nichts nützen, und es wird den bereits begonnenen Prozess nicht aufhalten. Denn die Wahrheit lässt sich nicht knebeln.

Bitte korrigiert mich, wenn ich falschliege oder ein Ereignis oder eine Tatsache missverstanden habe. Wie immer möchte ich wirklich, dass ich mich irre. Und zwar sehr!

Das ist vermutlich mein erster düsterer Beitrag. Doch das Thema selbst ist düster, unfassbar traurig und beängstigend. Also lasst uns diesen Fall weiter untersuchen und Informationen zusammentragen. Vielleicht könnt ihr und euer gelegentlich allzu neugieriger Korrespondent unterwegs sogar jemand anderem helfen, nicht zur nächsten Figur in dieser besonderen Geschichte zu werden.

Und natürlich, liebe Leser, fangen wir gerade erst an.

Bleibt dran.